FAQ

Was bedeutet „Care”?

Das englische Wort „Care”, das ins Deutsche übersetzt Fürsorge, aber auch Achtsamkeit, Obhut, Pflege und Umsicht bedeutet, steht zum einen für das Bewusstsein von Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Bezogenheit als menschliche Grundkonstitution, und zum anderen für konkrete Aktivitäten von Fürsorge in einem weiten Sinne. Es geht um ein „Sorgen für die Welt“, und zwar nicht nur durch pflegerische und sozialarbeiterische Tätigkeiten oder Hausarbeit im engen Sinn, sondern auch durch den Einsatz für einen kulturellen Wandel. (Vgl. Art. „Care“ im „ABC des guten Lebens“)

Und was ist „Wirtschaft”?

Im Buch „Grundwissen Wirtschaft” von Günter Ashauer (Stuttgart 1973) ist Wirtschaft so definiert:

„Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.”

Ähnliche Definitionen finden sich auf den ersten Seiten fast aller Lehrbücher zur Ökonomie, und auch bei Wikipedia.

Care ist im Kern nichts anderes, nämlich: die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse in „Achtsamkeit, Obhut, Pflege und Umsicht”.

Wie kommt es, dass ich beim Wort „Wirtschaft“ nicht an Bedürfnisbefriedigung denke, und auch nicht an das, was ich im Haushalt arbeite, sondern an Geld, Banken, Shopping, Maschinen, Krawatten und Werbung?

Das liegt daran, dass trotz der allgemeinen bedürfniszentrierten Definition von Ökonomie (vgl. zweite Frage oben) als „Wirtschaft“ heute nur zählt, was Geld kostet bzw. einbringt. Im ersten Kapitel dieses Textes ist ausführlich erklärt, wie es historisch zu diesem eigenartigen Widerspruch gekommen ist. Kurz zusammengefasst hat es damit zu tun, dass unsere Vergangenheit von der Institution der Sklaverei geprägt ist, und dass man Frauen lange Zeit als persönlichen Besitz von Männern – Vätern, Ehemännern, Söhnen – angesehen hat. Die Arbeit von SklavInnen und Frauen galt nicht als Arbeit im Vollsinn, sondern als natürliche Funktion. Niemand kam auf die Idee, Sklaven- und Frauenarbeit zu bezahlen, so wie man ja auch die Leistungen der aussermenschlichen Natur – Luft, Wasser, Wachstum… – nicht bezahlte, sondern als göttliches Geschenk gratis entgegennahm. Diese Zweiteilung menschlicher Bedürfnisbefriedigung in „höhere“, „eigentliche“, wichtige, von Männern und vom Geld dominierte und niedere, natürliche, (vermeintlich) selbsttätig funktionierende „schwache“ „weibliche“ Sphären hat sich bis heute gehalten, aller Emanzipation zum Trotz.

Warum stellt ihr mit „Care“ einen Anglizismus ins Zentrum? Warum nennt ihr es nicht „Fürsorge“?

Die Care-Bewegung im deutschsprachigen Raum hat über diese Frage viel diskutiert, vorerst mit diesem Ergebnis: Es ist ein Faktum, dass Englisch sich zur Weltsprache entwickelt hat. Wer sich über provinzielle Räume hinaus verständlich machen will, spricht Englisch, ob uns das passt oder nicht. Hinzu kommt, dass das Wort „Care“ mehr umfasst als der deutsche Begriff „Fürsorge“. „I care“ bedeutet zum Beispiel auch: „Es ist mir nicht egal.“ Dieses weite Verständnis ist uns wichtig. Denn es weist über die klassischen „Fürsorgetätigkeiten“ hinaus auf eine grundsätzliche kulturelle und ethische Umorientierung.

Ein weiterer Text dazu findet sich hier.

Was hat Care mit Wirtschaft zu tun? Ist die Sorge um mein Wohlergehen nicht meine Privatsache?

Das ist die konventionelle patriarchale Vorstellung vom menschlichen Zusammenleben: „Wirtschaft“ bedeutet hier, dass draussen im feindlichen Leben (vor allem) Männer Produkte herstellen und gegen Geld tauschen. Derweil sorgen zuhause in der Familie, im „Privatbereich“, Ehefrauen und Mütter liebevoll für Harmonie und Gemütlichkeit, sprich: für die Regeneration derer, die sich dann wieder frisch und wach im feindlichen Leben ausbeuten lassen können. Dieses „weibliche“ Tun gilt nicht als „Wirtschaft“, sondern als „Privatsache“. Tatsächlich werden aber hier wie dort menschliche Bedürfnisse befriedigt, gegen Geld oder unbezahlt. Heute wissen wir, dass mehr unbezahlt als bezahlt gearbeitet wird. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb nur die bezahlte Arbeit als Wirtschaft, also als Bedürfnisbefriedigung gelten sollte. Zumal heute, in der Zeit des ausgehenden Patriarchats, die vermeintlich klare Trennung zwischen männlich besetztem Aussenraum und weiblich besetztem Innenraum längst durcheinander geraten ist.

Was haben wir gewonnen, wenn die unbezahlte Care-Arbeit zur „Wirtschaft“ zählt?

Viele Frauen sagen noch heute, sie seien „nur zuhause“, wenn sie häusliche Care-Arbeit leisten. Das hat Folgen: Frauen kämpfen um „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“, statt laut zu sagen, dass sie längst viel mehr verdienen müssten als Männer. Und die Mehrheit aller Armutsbetroffenen weltweit sind Frauen und Kinder. Solche Schieflagen sind eine direkte Konsequenz der Ausblendung unbezahlter Arbeit aus der so genannten „Ökonomie“. Vielleicht noch gravierender ist: Wer Care nicht als Arbeit wahrnimmt, vergisst, dass alle Menschen (nicht nur „die Schwachen“) fürsorgeabhängig sind. Wenn wir nun Care in die Mitte der Ökonomie rücken, dann bedeutet das auch, zu einer realistischen Selbstwahrnehmung zurückzukehren: Wir sind alle verletzlich und bedürftig. Diese Einsicht wiederum hat direkte Konsequenzen für ökologische Politik: Wir stehen nicht „über“ der Natur, sondern sind als geborene und sterbliche Wesen Teil der Natur. Wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir uns selbst.

Soll denn jetzt alle Arbeit bezahlt werden? Wie soll das gehen?

Nein, es geht zunächst einfach darum, die Tatsachen anzuerkennen, zum Beispiel durch statistische Erhebungen und Veränderungen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Wie wir faktische Gerechtigkeit herstellen, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem die Ökonomin Mascha Madörin weist immer wieder darauf hin, dass tatsächlich immense Summen verschoben werden müssten, wenn alle Arbeit gerecht bezahlt werden sollte. Es geht zwar sicher auch darum, dass Geldflüsse real umgeleitet werden, und zwar durchaus so, dass es den derzeitigen ProfiteurInnen wehtut. Aber Geld ist nicht das einzig mögliche Mittel, um Gerechtigkeit und gutes Leben für alle zu schaffen. Langfristig müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Existenz von Menschen in Zukunft sichern wollen, zum Beispiel durch eine Neuorganisation des Geldsystems, durch einen anderen Umgang mit Eigentum (Commoning) und/oder durch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Ist denn die Care-Arbeit, die vor allem Frauen* zuhause gratis leisten, immer gut? 

Nein. Das Problem ist: wir wissen sehr wenig über die Qualität tatsächlich geleisteter Care-Arbeit, weil sie eben kaum wahrgenommen, systematisch falsch benannt und kaum erforscht wird. Sicher ist: Frauen* sind nicht per Geschlecht die besseren Menschen. Was sie zuhause oder in Pflegeinstitutionen tun, ist wie alle andere Arbeit Teil der Gesellschaft, also manipulier- und konditionierbar. Zum Beispiel tragen Mütter vermutlich viel dazu bei, dass Kinder zu stromlinienförmig „erfolgreichen“ Erwachsenen werden, die sich perfekt ins kapitalistische System von Profit, Ausbeutung und Naturzerstörung fügen. Und vielen „hingebungsvollen“ Pflegekräften ist nicht bewusst, wie stark sie ein dysfunktionales System durch ihre alltägliche „Opferbereitschaft“ stützen. Wenn Care im Sinne global verstandener Fürsorge zum Kriterium für alles Wirtschaften wird, dann gerät auch die tatsächlich geleistete traditionelle Care-Arbeit auf den Prüfstand. Dabei wird sich vermutlich herausstellen, dass es auch Mis-Care in Haushalten und Pflegeinstitutionen gibt.

Ich verstehe, dass Care Wirtschaft ist, weil es da um Dienstleistungen geht. Aber wieso gilt auch umgekehrt, dass Wirtschaft Care ist? Inwiefern ist zum Beispiel die Produktion von Autos Care?

Befriedigt denn ein Auto kein Bedürfnis? Das Bedürfnis nach Mobilität, Bequemlichkeit, Status? Welche Bedürfnisse befriedigt ein Auto sonst noch? Und welchen Schaden richtet es an? Wie können Autos so produziert und genutzt werden, dass sie tatsächliche, nicht nur mühsam durch Werbung erzeugte Bedürfnisse befriedigen und der Schaden möglichst gering gehalten wird? – Mit solchen Fragen kommen wir zum Kern des Denkansatzes „Wirtschaft ist Care“: Es geht eben nicht um die „Aufwertung“ und „Integration“  des konventionellen, weichen, „weiblichen“, kompensatorischen Pflegesektors ins derzeit vorherrschende Verständnis von „Wirtschaft“, sondern Care wird zum Kriterium für alles Wirtschaften. Dieses „Kippen“ unserer Sicht auf die Welt bringt die ÖkonomInnen und uns alle zurück zum Kerngeschäft der Ökonomie. Denn laut der klassischen Definition des Ökonomischen hat ja alles Wirtschaften eben nur ein einziges Ziel: die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse: Care (siehe erste Frage oben).

Wenn Wirtschaft Care ist, dann müsste ja auch die Produktion von Atombomben Care sein?

Wenn Waffenproduktion und Waffenhandel zur Debatte stehen, wird im Allgemeinen mit dem „Sicherheitsbedürfnis“ der Menschen argumentiert. Tatsächlich gibt es ein solches Sicherheitsbedürfnis, und deshalb braucht es zum Beispiel die Institution Polizei. Die Atombombe, die in Hiroshima und Nagasaki so unerträglich viel Leid erzeugt hat und die bis heute die Menschheit in Angst und Schrecken versetzt, zeigt aber, wie weit sich das tatsächliche Wirtschaften von seinem Kerngeschäft entfernt hat: Man behauptet ein „Sicherheitsbedürfnis“ und baut darauf militärisch-industrielle Komplexe, die uns an den Rand unserer Existenz bringen. Das kann definitiv nicht Sinn des Wirtschaftens sein. Und genau aus diesem Grund braucht es die Rückbesinnung auf die Mitte der Ökonomie und die entsprechende grundsätzliche Infragestellung des Faktischen und seiner vermeintlichen Plausibilität vom Care-Konzept her.

Ich verstehe die Idee: Wenn Care bedeutet, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, und wenn Wirtschaft als Theorie und Praxis der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse definiert ist, dann ist Wirtschaft Care. Aber ist dieser Gedanke angesichts von Kapitalismus, Globalisierung, Waffenproduktion usw. nicht sehr naiv?

Das Wort „naiv“ leitet sich vom lateinischen Verb „nasci“ ab. „Nasci“ heisst „geboren werden“. Naiv zu sein bedeutet also einfach, vorne anzufangen: mit der Tatsache, dass alle Menschen geboren werden, also als abhängige Winzlinge auf die Welt kommen und ihr Leben lang angewiesen bleiben auf Luft und Wasser, Erde, Pflanzen, Tiere und auf einander. Logischerweise haben die Leute, die vom gegenwärtigen Wirtschaftssystem (kurzfristig) profitieren, kein Interesse, dass Nichtfachleute in diesem Sinne naive Fragen stellen. Sie reden uns also ein, dass ökonomische Fragen zu kompliziert für normale Leute sind und wir besser die Finger davon lassen sollen. Dass sie uns zum Schweigen bringen wollen, indem sie uns belächeln, hat System. Ausgelacht zu werden ist also ein Indikator für Relevanz.

Was ist überhaupt ein „Bedürfnis“?

Alle Menschen sind vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens abhängig von Luft und trinkbarem Wasser, von Tieren und Pflanzen, einer intakten Mitwelt und voneinander. Aus diesen Grundbedingungen des Menschseins leiten sich die Bedürfnisse ab. Über die Frage, was „wahre“ und was „falsche“ Bedürfnisse sind, ob und wie sich „Grundbedürfnisse“ von künstlich hergestelltem „Bedarf“ unterscheiden lassen, ob es für Menschen ein Genug gibt oder ob menschliche Bedürfnisse sich ins Unendliche steigern lassen, gibt es viele Debatten. Solche Debatten sind wichtig und werden vermutlich nie zu einem Ende kommen. Fakt ist dennoch: Menschen sterben, wenn man ihnen den Zugang zu Sauerstoff, Wasser und Nahrung abstellt. Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen ein Recht auf Leben haben, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie Zugang zu atembarer Luft, trinkbarem Wasser und Nahrung haben.

Warum sind bei WiC fast nur Frauen* engagiert?

„Wirtschaft ist Care“ ist kein „Frauenthema“ und nur vordergründig ein „Genderthema“. Denn im Zentrum steht die Wiederentdeckung der Fürsorgeabhängigkeit aller. Aber es hat eine gewisse Logik, dass vorerst vor allem Frauen* diesen Denk- und Handlungsansatz gewählt haben. Denn am Anfang stand die Entdeckung, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Missachtung der un- und unterbezahlten „weiblichen“ Fürsorgearbeit und den weltweiten Problemen von Armut, Ungleichheit und Naturzerstörung, die uns heute zu schaffen machen. Es gibt aber immer mehr Männer*, die diese Zusammenhänge verstehen und sich der Bewegung „Wirtschaft ist Care“ anschliessen.

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